“Es sind nicht nur die Bambis”

Das Mulchen von Grünflächen ist auch im Kraichgau noch gang und gäbe - Es wird Zeit, dass sich das ändert

Fachlicher Erfahrungsaustausch unter Praktikern kommunaler Bauhöfe: wie praktikabel ist insektenschonende Mähtechnik auf öffentlichen Flächen?

So voll war es auf dem alten Friedhof in Zeutern schon lange nicht mehr, zumindest nicht was die Lebenden betrifft. Seite an Seite stehen die MitarbeiterInnen unzähliger Bauhöfe aus dem Kraichgau in schweren Arbeitsstiefeln, Reflektor-Westen und Cargo-Hosen da und lauschen den Ausführungen von Siegbert Merkle. Der promovierte Umweltwissenschaftler, der seit 2018 einem Unternehmen für Biodiversitätsmanagement vorsteht, will heute in Praxis und Theorie aufzeigen, wie die Grünflächen einer Kommune im Sinne der Artenvielfalt und Ökologie besser bewirtschaftet werden können, als dies bisher der Fall ist.
 

Das “bisher” ist schnell zusammengefasst: Im Wesentlichen werden die Grünflächen einer Stadt oder einer Gemeinde gemulcht, die Pflanzen zerschlagen und die Überreste vor Ort zurückgelassen. Dies führt fast immer zu “fetten” Wiesen, auf denen schnell wachsende Gräser die Oberhand gewinnen, die Artenvielfalt auf der Strecke bleibt und die zudem kaum Lebensraum für Insekten bieten. Gerade um letztere ist es hierzulande äußerst schlecht bestellt, was aktuelle Zahlen eindrücklich belegen: 40 % aller Insekten sind vom Aussterben bedroht, in den letzten knapp 30 Jahren haben wir etwa 70 % aller Fluginsekten verloren, in den letzten 50 Jahren beispielsweise knapp 97% aller Schwebfliegen…so nachzulesen auf der Internetseite von Dr. Merkle. Wer mit Zahlen nichts anfangen kann, muss sich stattdessen einfach nur an eine typische Autofahrt vor einigen Jahrzehnten im Kraichgau zurück erinnern. Damals war an einem üppigen Sommertag die Windschutzscheibe schwarz vor Insekten. Weil Insekten nun einmal für die Bestäubung von Pflanzen maßgeblich sind, ist der Schaden an unserem Ökosystem dadurch enorm. Ein Schaden, der sich weltweit mit einem dreistelligen Milliardenbetrag beziffern lässt.
Es ist also höchste Zeit, dass sich Wiesenbesitzer und Eigener von Grünflächen neu orientieren, ihre Praktiken auf den Prüfstand stellen. Eine besondere Verantwortung kommt hier selbstredend den Städten und Gemeinden zu, da deren Grünflächen in der Summe beträchtlich sind. Alleine die Stadt Karlsruhe dürfte im Stadtgebiet etwa 200 Hektar davon ihr eigen wissen…das sind immerhin 200 mal 10.000 Quadratmetern.
Ziel muss es also sein, diese Grünflächen im Sinne der Insekten und der Artenvielfalt zu bewirtschaften. Dr. Siegbert Merkle und seine Tochter Mona, die derzeit Ökologie studiert, zeigten daher in Zeutern alternative Konzepte einer solchen Bewirtschaftung auf. So gälte es zuerst einmal auf das Mulchen künftig zu verzichten, stattdessen die Wiesen mit einem Balkenmäher zu bearbeiten und das Schnittgut im Nachgang abzutransportieren und zu verwerten. Durch die damit einhergehende Ausmagerung der Wiesen können wieder mehr unterschiedliche Pflanzen gedeihen und damit einen besseren Lebensraum für Insekten schaffen. Wichtig sei es auch nicht die komplette Wiese auf einmal zu mähen, sondern immer nur einen Teil zu bearbeiten. Auf diese Art und Weise entstehen ganz neue Zyklen, welche die ökologische Vielfalt einer Grünfläche über das ganze Jahr hinweg erhalten können.
Das anfallende Schnittgut kann im Anschluss beispielsweise als Tierfutter verwendet, oder sogar zu Pellets für spezielle Heizsysteme weiterverarbeitet werden. Wichtig sei es, kostengünstige und effiziente Prozesse zu erschaffen, die sich in der Praxis durchsetzen können, weiß Siegbert Merkle genau, schließlich muss sich diese Praxis auf breiter Front durchsetzen um etwas bewirken zu können. Die zahlreichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kraichgauer Bauhöfe, die sich auf Einladungen des Landschaftserhaltungsverbandes und der Gemeinde Ubstadt-Weiher in Zeutern eingefunden hatten, zeigten dabei reges Interesse an den neuen Methoden des Grünflächenmanagements. Dass ein Umdenken stattfinden muss, war gefühlter Konsens, diese Erkenntnis hat sich überdies in den letzten Jahren zunehmend durchgesetzt.
Doch auch eine gewisse Skepsis war zu spüren und wurde auch mit entsprechenden Fragen deutlich formuliert. Schließlich bedeutet die neue Vorgehensweise in der Praxis zusätzliche Arbeitsschritte, mehr Personal und Logistik und dadurch auch steigende Kosten. Kosten, die viele Kommunen eingedenk steigender Ausgaben vermutlich auch kritisch bewerten werden. Neben der nun einmal nicht von der Hand zu weisenden, ökologischen Notwendigkeit eine Änderung der Strategien, zeigte Dr. Merkle auch die Vorteile eines Systemwechsels auf. So müssten ausgemagerte Wiesen und Grünflächen deutlich seltener bearbeitet werden, was den größeren Arbeitseinsatz durch größere, zeitliche Intervalle wieder relativiere.
Die hier vorgestellten Konzepte sind übrigens nicht nur für die kommunalen Bauhöfe geeignet, sondern auch für die Umsetzung auf privaten Grundstücken. Jeder Besitzer entsprechender Grünflächen muss sich seiner Verantwortung bewusst sein, schließlich trägt jedes Fleckchen Erde mit einem intakten Ökosystem zur Artenvielfalt aktiv bei. Die Praxis das Häckselns, Schredderns und Mulchens sollte in jedem Fall zugunsten dieser Artenvielfalt überdacht werden, denn 70 % der Insekten überleben das Prozedere nicht. “Es geht hier nicht nur um Bambis” macht Dr. Merkle deutlich. “100% aller Heuschrecken überleben das Mulchen einer Wiese nicht” - “Das ist eine Zahl mit der wohl jeder etwas anfangen kann”.
(Text mit freundlicher Genehmigung von hügelhelden.de)